AIG, Boni, Populismus und Casablanca

In den USA spielt sich um Bonuszahlungen des AIG Konzerns im Moment großes Theater ab – Theater mit einem etwas bitterem Beigeschmack.

Was ist passiert? AIG hat seit September 2008 duzende Milliarden Dollar Staatshilfe bekommen, um die Zahlungsunfähigkeit zu verhindern.  So um den 15. März herum wurde bekannt, dass AIG Bonusse im Wert von $165 Millionen an Angestellte verteilt. Seit dem versuchen sich die Politiker in Washington an Entrüstung gegenseitig zu überbieten.

  • 1.3. AIG bekommt zusätzlich $30 Milliarden Staatshilfe (hat bereits $150 Milliarden erhalten).
  • 15.3. Es wird bekannt, dass AIG ca. $170 Millionen an Bonuszahlungen vorgenommen hat.
  • 15.3. Es wird zunehmend klar, dass AIG eine Art Geldwäschesystem ist. Das Geld, das in AIG hineingepumpt wird, geht dort einfach durch und gelangt zu anderen Banken, die ohne dieses Geld vermutlich Bankrott gehen würden. Deutsche und französische Banken bekommen ca. $36 Milliarden.
  • 15.3. Es wird aber auch klar, dass die Boni, um die es hier geht keine Erfolgshonorare sind, sondern Zahlungen, die den Mitarbeitern für den Fall versprochen wurden, dass sie nicht kündigen (Retention Bonus). Die Abteilung, die die Credit Default Swaps vergeben hat wird geschlossen und muss abgewickelt werden. Bei normalem Gehalt würden die meisten Mitarbeiter natürlich so schnell wie möglich den Job wechseln.
  • 16.3. Obama stimmt in den Empörungschor ein.

    How do they justify this outrage to the taxpayers who are keeping the company afloat? This isn’t just a matter of dollars and cents. It’s about our fundamental values.

  • 16.3. Der New Yorker Generalstaatsanwalt (in den USA ein politisches Amt) Andrew Cuomo verlangt von AIG eine Liste der Namen aller Bonusempfänger. Er will Druck ausüben und droht implizit damit, dass die er die Liste veröffentlichen wird, wenn die Boni nicht zurückgezahlt werden:

    The Attorney General’s Office will responsibly balance the public’s right to know how their tax dollars are spent with individual security, privacy rights, and corporate prerogative.

  • 17.3. Der republikanische Senator Charles Grassley schlägt vor, dass die AIG Manager Harakiri machen sollen:

    […] if they’d follow the Japanese example and come before the American people and take that deep bow and say, I’m sorry, and then either do one of two things: resign or go commit suicide.

  • 17.3. Die Washington Post berichtet, dass Obama über die Boni bereits einen Tag vor deren Auszahlung bescheid wusste.
  • 17.3. AP berichtet, dass Regierung und Finanzministerium schon seit Monaten über die bevorstehenden Bonuszahlungen bescheid wissen mussten. AIG hatte sie nämlich bereits im November der SEC mitgeteilt. Da es sich nicht um Erfolgsboni handelt, stand deren Betrag ja schon fest. Der Demokratische Senator Elijah Cummings versuchte bereits damals von CEO Liddy eine Kürzung der Boni zu erreichen. Die demokratischen Abgeordneten Crowley und Kanjorski ersuchten im Jänner die FED die Bonuszahlungen genauer zu untersuchen.
  • Das Finanzministerium macht den demokratischen Senator Chris Dodd für eine Ausnahmeregelung verantwortlich, die diese Bonuszahlungen ermöglichen:

    [new rules] shall not be construed to prohibit any bonus payment required to be paid pursuant to a written employment contract executed on or before February 11, 2009.

  • 17.3. Es wird auch langsam bekannt, wer von AIG Wahlkampfspenden bekommen hat: eigentlich jeder, nur Dodd und Obama am meisten.
  • 17.3. Die gespielte Entrüstung der Politiker läuft langsam aus dem Ruder, AIG Mitarbeiter fühlen sich bedroht. Die „Connecticut Working Families Party“ bietet z.B. Busreisen an, um vor den Häusern der AIG Manager zu protestieren.
  • 18.3. AIG versendet ein internes Memorandum, in denen die Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen aufgefordert werden, z.B. keine Kleidung zu tragen, auf denen AIG aufgedruckt ist.
  • 18.3. Genauere Untersuchungen ergeben, dass einige Abgeordnete versuchten Anträge in die Stimulus Bill einzubringen, die Bonuszahlungen verhindern. Dagegen steht in der Endfassung des Gesetzes seltsamer weise der Satz, der die Bonuszahlungen explizit ermöglicht und laut Finanzministerium von Chris Dodd geschrieben wurde. Kein demokratischer Senator, auch nicht Chris Dodd kann sich daran erinnern, wie diese Zeilen in das Gesetz gekommen sind. Der demokratische Senator Baucus versucht das so zu erklären:

    Frankly it was such a rush — we’re talking about the stimulus bill now — to get it passed, I didn’t have time and other conferees didn’t have time to address many of the provisions that were modified significantly.

  • 18.3. Bei der Anhörung muss der CEO Edward Liddy Rede und Antwort stehen. Liddy wurde im September 2008 von der Bush-Regierung als CEO für AIG eingesetzt. Als der demokratische Abgeordneter Stephen Lynch Liddy Vorwürfe bezüglich eines Vertrags von 2007 macht, erklärt Liddy, dass er damals noch nicht für AIG gearbeitet hat und dass ihn diese persönlichen Angriffe ärgern. Lynch antwortet darauf:

    Well, offense was intended. So you take it rightfully, sir.

  • 19.3. Chris Dodd kann sich nun doch erinnern: Es war zwar er, der den Satz, der die Boni ermöglicht in das Gesetz schrieb, aber nur auf Wunsch der Regierung. Ein Vertreter des Finanzministeriums (der anonym bleiben wollte) bestätigt das auch.
  • 19.3. Das Repräsentantenhaus stimmt für ein Gesetz, das Boni von Firmen, die Geld vom TARP bekommen haben und an Mitarbeiter geht, die mehr als $250.000 verdienen mit 90% besteuert (die restlichen 10% werden durch die Steuern der Bundesstaaten und Gemeinden abgezweigt).

Casablanca

Die gespielte Entrüstung erinnert einige an den Film Casablanca und so wird der „Captain Louis Renault award for hypocritical outrage“ vergeben.

casablanca-bonuses1Für die, die noch niemals Casablanca gesehen haben (wie z.B. ich) der dazugehördende Filmausschnitt:

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